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DJ Tomcraft stand zur Jahrtausendwende als gefeierter Star der Techno-Ära auf den Bühnen der Welt. Heute sieht er sich nur noch einer Handvoll Gäste gegenüber, denen er zuhören muss.

Die goldene Rolex schimmert unter der Manschette des perfekt gebügelten Hemdes. Etwas zu laut lachend prostet der vermutliche Mittfünfziger mit den zurückgegelten Haaren seiner deutlich jüngeren Begleiterin zu. Kein ungewöhnlicher Anblick im Münchner Nachtleben. Für Thomas Brückner sind diese „neureichen Yuppies“ aber nicht unbedingt das Wunschpublikum in seiner Bar. Doch hier ist er nicht mehr der DJ Tomcraft, der einst in ausverkauften Hallen Zehntausenden von extatischen Fans mit seinen Elektrobeats einheizte. Hier ist er Tom. Barkeeper. Gastgeber.

Tatsächlich würde ich bestimmte Leute am liebsten sofort rausschmeißen.

Dieses Publikum gibt es in München einfach schon zu Hauf. Aber wenn du als Gastronom erfolgreich sein willst, musst du ein guter Gastgeber sein, und zwar für alle Gäste.“ Die Worte nimmt man ihm ab. Nur die Körpersprache des 41-jährigen will nicht ganz dazu passen. Etwas missmutig scheint der Blick unter der Wollmütze  hervor zu sein, als er mit verschränkten Armen zu dem alten Ledersofa hinüberschielt.

„Stand up!“

von The Prodigy wummert aus den von der Decke herabhängenden Boxen. Nicht ganz die Musik, die Tom 20 Jahre seines Lebens begleitet hat.

In seinem ersten Leben war er als „DJ Tomcraft“ mit mehreren in den Charts platzierten Dance-Titeln in den Clubs der Welt zu Hause – legte in ausverkauften Hallen auf. Heute steht er nicht mehr hinter den Plattentellern einer DJ-Kanzel über seinen Fans. Heute steht er hinter einer holzvertäfelten Bar. Auf Augenhöhe mit seinen Gästen.

Früher hallenartige All-Area-Clubs in New York, Rio oder L.A. – heute 20 Quadratmeter in der Münchner Maxvorstadt. Hier liegt sein Fokus nicht auf dem Mixen von Sounds und Beats sondern auf dem Mixen von Cocktails. Zwar weiß er, was er tut, doch manche seiner Handgriffe lassen die Routine eines altgedienten Bartenders noch vermissen. Kein Wunder. Seine Bar hat Tom schließlich erst vor knapp einem Jahr eröffnet.

Fast scheint es so, als würden die Finger seiner voll tätowierten Arme noch eher nach Reglern, Knöpfen und Plattennadeln suchen als nach Stößel, Shaker und Cocktaillöffel. Die Frage,  warum sich ein international gefeierter DJ für ein kleineres Publikum entschieden hat, beantwortet er mit einer der Gastronomie entsprechenden Metapher: „Ich war satt! Irgendwann  merkst du, dass dir das alles nicht mehr so viel gibt wie früher.“

Und noch ein wichtiger Faktor kam hinzu. Neid. „Tatsächlich war ich ein bisschen neidisch auf meine Freunde, die abends in den Biergarten oder nach Hause zu ihren Familien gegangen sind.“ Feierabend? So etwas gibt es im Beruf des DJs nicht. Will man wie Tom damals an der Spitze bleiben, die Top-Plätze der Charts anführen und Dance-Music-Awards auf das virtuelle Kaminsims stellen, fängt der Arbeitstag dann an, wenn er für andere aufhört. Dann ist die Nacht der Tag. „Wenn du verheiratet bist und Kinder hast, musst du dich irgendwann fragen, was du als nächstes machen willst.“

Plan B: Die Bar Bruckmanns

Bar

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Die geistige Geburt seines ,Plan B‘, der Bar „Bruckmanns“, geschah allerdings schon viel früher. Sie war eine von zwei Alternativen, als er mit 17 das Gymnasium abbrach. Ein Jahr vor dem Abitur entschied sich Tom dann doch, nicht Kneipier, sondern DJ zu werden. „Das war damals eine andere Zeit. Heute kann jeder mit der richtigen App ein paar Beats auf seinem iPad zusammenschustern. Damals war das noch ein Handwerk und brauchte jahrelange Übung.“

Seine ersten Tapes verkaufte Tom Anfang der 90er in einem kleinen Klamottenladen. Mitte der 90er kam der erste Plattenvertrag, 1995 die erste Platte. Seine Erfolgsfaktoren? Er grinst: „Arbeit und Glück“. Familie und Freunde hielten allerdings nichts davon. Allen voran sein Schulfreund Errixxon. Der steht heute immer noch mit einem leichten Kopfschütteln neben seinem ehemaligen Banknachbarn an der Bar. „Als ich zum ersten Mal auf einem seiner Konzerte war, habe ich ihn beim Autogramme schreiben beobachtet. Ich habe es nicht verstanden. Für mich war das nicht Tomcraft. Das war einfach nur Tom.“ Beide lachen.

Rund 20 Jahre nach seinen ersten Gehversuchen in der Musikbranche war der Sättigungsgrad für Tom erreicht. Mittlerweile ist er Vater zweier Kinder, und seine Prioritäten haben sich verschoben. Lediglich auf sein Glück wollte sich der DJ nicht verlassen, als es Ende 2013 darum ging, in der Gastronomie Fuß zu fassen.

Tom dachte zuerst nicht klein, sondern groß. Ein eigenes Restaurant sollte es von Beginn an sein. Doch es kam anders. Ein guter Freund, selbst  Restaurantbesitzer, warnte ihn vor den Tücken der Gastronomie und gab ihm den Tipp, klein anzufangen. So wurde aus dem ersten eigenen Restaurant eine Bar.

Um sich auf das für ihn fremde Business vorzubereiten, machte Tom bei eben jenem Freund fast ein Jahr lang ein unbezahltes Praktikum. Teller waschen, Kartoffeln schälen, servieren. Die wichtigste Lektion lernte er dabei auch. Nämlich den richtigen Umgang mit den Gästen. „Hätte ein Gast etwas an einer Bestellung auszusetzen gehabt, hätte ich wahrscheinlich zurückgestänkert. Kritik anzunehmen und richtig darauf zu reagieren, war ein hartes Stück Arbeit.“

Der Rolex-Yuppie tastet im Halbdunkel der mittlerweile gut gefüllten Bar nach seinem Sakko. Nach einem kurzen Blick auf seine Begleiterin stehen beide auf. Der Mann nickt grüßend zum Tresen hinüber, während sich beide durch die dicht gedrängte Menge zum Ausgang schieben. Tom hebt grüßend die Hand: „Schönen Abend Euch! Danke dass ihr da wart. Bis bald!“ Ganz der Gastgeber.

Gastautor: Florian Harbeck

Vor vier Jahren hat er dem IT-Consulting den Rücken zugewandt und sich im zweiten Anlauf dem Journalismus gewidmet. Heute ist der bekennende Comic-Fan im Food- und Gastrobereich zu Hause und entdeckt neue Leute und spannende Konzepte.