Das Rotlichtmilieu in Stuttgart hat viele Facetten. Doch egal ob Edel-Bordell oder Straßenstrich – immer verkaufen Menschen ihren Körper für Geld. Und dessen Wert sinkt von Jahr zu Jahr. Über Veränderungen einer Branche, umstrittene Gesetze und die Frage nach dem schnellen Geld.

Als Kind wollte Leni* gerne Tierärztin werden. Heute ist sie 22 Jahre alt und sitzt auf einer dunkelroten Couch, während sie nervös an einem der dunkelblauen Samtkissen herumspielt. Sie ist nackt. Mit ihrer schlanken Figur hätte sie für ein großes Modelabel modeln können. Sie ähnelt ein bisschen der jungen Megan Fox, obwohl ihre Augen dunkelbraun und nicht blau sind. Ihren Eltern sagt sie, dass sie kellnert. Tatsächlich aber hat Leni heute ihren ersten Arbeitstag im Paradise, dem größten Bordell Europas.

„Paradise“ prangt in weißen Buchstaben auf dem dunkelroten, viereckigen Hausklotz, den man schon von der Bundesstraße aus sieht. Das sechsstöckige Gebäude in einem Industriegebiet in Leinfelden-Echterdingen, südlich von Stuttgart, gibt, bis auf den Slogan, nicht direkt preis, was den „weiblichen oder männlichen Gast“ drinnen erwartet. Neben dem Gebäude ist ein großer Parkplatz, daneben eine Tiefgarage. Ein Mercedes C63 AMG steht neben einem Maserati Ghibli, daneben ein Range Rover. An einem Montagmittag ist noch nicht viel los in der „Wellness- Oase für den Mann“.

 

Viel Geschnörkel und Currygeruch

Vergoldete Torbögen, antike Vasen mit aufwendigen Verschnörkelungen, ein aufgemalter Sternenhimmel aus Bronze der Decke. Es riecht nach Curry. Auf der Empfangstheke und stehen Schüsseln gefüllt mit bunten Bonbons. Von Jeannie, dem Flaschengeist, fehlt allerdings jede Spur. Dafür steigen zwei Frauen aus dem angrenzenden Fahrstuhl, die High-Heels tragen. Nur High-Heels, sonst nichts. „Zweimal Eintritt, bitte“, sagen sie mit osteuropäischem Akzent und reichen Empfangsdame Heidi ihre Checkkarte. „Dann jeweils 79 Euro bitte“, antwortet Heidi, die gute Seele des Hauses. Ihre schwarz aufgemalten Augenbrauen wirken durch die Hornbrille vergrößert. Ihre Haare hat sie zu einem strengen Dutt zusammengebunden.

„Insgesamt beschäftigen wir hier 61 Angestellte, die für das Putzen, Kochen, Waschen und Verwalten zuständig sind“, sagt Michael Beretin, Pressesprecher und Marketing- Leiter des Paradise, während er in einem Abstellraum neben der Umkleidekabine für die Männer steht. Dabei hält er einen zusammengefalteten Bademantel in der Hand. „Alle Prozesse hier sind bis ins kleinste Detail durchstrukturiert. Wenn das Paradise um 3 Uhr nachts schließt, kommen etwa 50 Putzkräfte und reinigen jeden kleinsten Winkel. Hygiene ist hier oberstes Gebot.“ Er deutet auf die 100 Paar Badeschlappen, die fein säuberlich geordnet in den Regalen liegen. Daneben stehen Dutzende Flaschen Duschgel, Shampoo und Creme. „Wir erwarten von unseren männlichen Gästen, dass sie sich gründlich duschen und waschen, bevor sie in den Lounge- Bereich gehen.“ Vor allem die Mundspülung sei sehr beliebt, 100 Flaschen verbrauchen die Gäste locker in der Woche. „Und finden Sie erst mal einen Lieferanten, der Ihnen 10.000 Bademäntel liefert…“, sagt Beretin, während er den Bademantel wieder ins Regal zurücklegt und glattstreicht.

Der üppige Raum samt Galerie, von der man auf die Bar und auf den unzähligen Sofa-Landschaften und Sitzgelegenheiten hinunterblicken kann, bietet Platz für mehr als 2.000 Gäste. „Letztes Jahr ist David Hanselmann mit ein paar Voice of Germany-Leuten hier aufgetreten“ sagt Beretin, und nippt an einem Glas Cola. „Wir verstehen uns mehr und mehr als eine Event- Location“, so der Marketingleiter. Auch im Kernstück des „Etablissements“ wimmelt es nur so vor Samtkissen mit goldenen Troddeln, die in schummriges Licht getaucht werden; sogar ein Beduinen- Zelt findet hier Platz. Dazu tönt Helene Fischers „Atemlos“ aus den Lautsprechern.

 

„Wenn du gut bist, verdienst du hier 20.000 Euro im Monat“

Der Lounge-Bereich ist der Arbeitsplatz von täglich durchschnittlich 95 „weiblichen Gästen“, die ihre Dienstleistungen an die männlichen Gäste des Paradise verkaufen. Prostitution sagt man hier nicht dazu. Der Begriff passe nicht hierhin, findet Beretin: „Das klingt so schmutzig und nach Ausbeutung.“ Die Betreiber profitieren nach eigenen Angaben ausschließlich von den 79 Euro Pauschaleintritt, die jeder „Gast“ zu zahlen hat, egal ob männlich oder weiblich. Hinzu kommt der Betrag, der hier im Monat für Getränke über die Theke geht: Ein Caipirinha kostet 18 Euro, eine Flasche Moet 280 Euro. „Wenn du gut bist, verdienst du hier 20.000 Euro im Monat“, sagt Sandy*, 31, die vor ein paar Jahren ihr Elektrotechnik- Studium abgebrochen hat und jetzt regelmäßig „zu Gast“ im Paradise ist.

Szenenwechsel: An Thomas Geigers Arbeitsplatz gibt es weder Samtkissen noch Champagner. Im Stuttgarter Polizeipräsidium herrscht Struktur und Nüchternheit. „Die Frauen, die im Paradise arbeiten, haben noch Glück“, sagt Geiger. Er war sieben Jahre lang Dienstgruppenleiter des Dezernats 122, das durch regelmäßige Kontrollen zu erfassen versucht, wie viele Menschen in Stuttgart ihren Körper für Geld verkaufen. „Wir gehen davon aus, dass circa 500 Prostituierte in Stuttgart tätig sind“, so Geiger. Dabei herrscht die höchste Dichte im Stuttgarter Leonardsviertel, wo sich viele Laufhäuser, Terminwohnungen und Bordelle befinden. Das Hauptproblem sieht der ehemalige Dienststellenleiter vor allem im Preisverfall für sexuelle Dienstleistungen. Ein Prozess, der durch die EU-Osterweiterung und durch die Lockerung der Prostitutionsgesetze 2002 begünstigt wurde. Der Ausländeranteil bei Prostituierten in Stuttgart lag 2013 bei 85 Prozent. 2001 waren es noch 39 Prozent. „Für ein Zimmer, oder besser gesagt ein Drecksloch, verlangen die Vermieter hier in der Regel 120 Euro. Pro Tag. Im Schnitt verdient eine Prostituierte pro Freier 20 Euro. Jetzt können Sie sich selbst errechnen, wie viele Freier eine Frau abfertigen muss, wenn sie von dem übrigen Geld die Hälfte nach Hause schickt und dann auch noch ihr eigenes Leben hier finanzieren muss“, so Geiger.

Manchmal reicht das Geld dann nicht einmal mehr aus, um sich etwas zu essen und zu trinken zu holen. In solchen Fällen finden die Frauen Anschluss im Prostituierten- Café „La Strada mitten im Stuttgarter Leonardsviertel. Die neonpinken Reklameschilder der Strip-Bar nebenan flackern. Die Fenster sind abgedunkelt, manche sogar mit Brettern zugenagelt. Zwei Männer laufen vorbei und werfen einen flüchtigen Blick auf die drei Frauen, die sich auf der Straße räkeln. Sie tragen knallroten Lippenstift, viel zu viel Rouge und enge Hotpants. Die Rothaarige in der schwarz-weiß geringelten Strumpfhose spielt mit einer Haarsträhne und klimpert mit den Augenwimpern.

 

Café La Strada: Sprechstunden, Kondome und Gleitgel umsonst

Im Café La Strada sitzen 30 Frauen an nebeneinander aufgereihten Gruppentischen. Sie essen, trinken, unterhalten sich. Es gibt ein großes Buffet mit Reisauflauf, Baguette, Suppe und verschiedenen Salaten. Nach hinten heraus sieht man einen kleinen Außenbereich mit einer Sitzgruppe aus schwarzen Korbmöbeln. Dort drückt Sabine Constabel gerade eine Zigarette aus und redet mit einer aufgebrachten Frau, die nur ein paar Brocken Deutsch herausbringt. Constabel vom Stuttgarter Gesundheitsamt berät seit über 20 Jahren Prostituierte und hilft ihnen beim Ausstieg aus dem Beruf. „Das La Strada ist dazu da, Kontakt aufzunehmen“, so Constabel. Kondome und Gleitgel gibt es hier umsonst für die Frauen, sie können sich aufwärmen, mit jemandem reden. Ein Arzt kommt regelmäßig vorbei und untersucht sie ehrenamtlich.

„Eine von hundert Frauen ist hier krankenversichert“, sagt Constabel. Während es im Paradise Pflicht ist, zumindest während des Aufenthalts dort krankenversichert zu sein, kümmert es auf dem Straßenstrich und in den Laufhäusern niemanden, ob eine Frau eine Versichertenkarte besitzt. „Prostituierte können sich laut Gesetz freiwillig versichern lassen. Die Krankenkassen verlangen dafür aber utopische Beiträge. Das kann und will sich hier so gut wie niemand leisten“, erklärt Constabel. Welche Konsequenzen das hat, erfährt die Sozialarbeiterin Tag für Tag: „Erst gestern musste ich für eine Frau eine Busfahrt nach Ungarn organisieren. Sie hatte eine lebensbedrohliche Infektion und wurde deshalb operiert. Da sie aber nicht krankenversichert war, landete sie nach dem Aufwachen direkt wieder auf der Straße. Keine Beobachtung, keine Schonfrist, bis die Narben verheilen, nichts.“ Die Krankenhäuser macht Constabel allerdings nicht dafür verantwortlich: „Würden sie die Regeln ändern, könnten sie sich vor lauter Not leidenden Patienten gar nicht mehr retten.“

Sabine Constabel gibt nicht auf. Und das, obwohl sie jeden Tag dem Elend des Leonardsviertels begegnet: „Sie können jede Frau, die hier sitzt, fragen, ob sie schon mal gewürgt wurde. Da sagt jede ja.“ Im Alltag helfen ihr kleine Erfolgserlebnisse: „Manchen gelingt der Ausstieg und sie können ein neues Leben beginnen. Das ist es dann wert!“, sagt sie mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

 

„Wenn du das Geld danach in der Hand hältst, lachst du.“

Leni, die ganz neu im Paradise ist, will noch nicht an den Ausstieg denken. Bevor sie nach Leinfelden-Echterdingen kam, hatte sie einen Monat lang in einem Laufhaus gearbeitet. „Ich mache das hier absolut freiwillig und weil es mir gefällt“, sagt sie wie aus der Pistole geschossen. Währenddessen schaut sie immer nervös nach links und rechts und mustert die männlichen Gäste, die vorbeilaufen. Sie sind ihre Geldquelle. „Zehn Jahre will ich hier mindestens noch arbeiten.“ Solange brauche sie, um für sich und ihren Verlobten das nötige Geld zusammen zu haben. „Danach mache ich vielleicht einen kleinen Laden auf. Kosmetik oder so.“, sagt sie mit einem unstetigen Blick. Die Partnerschaft scheint Lenis Beruf nicht zu belasten: „Wir lieben uns. Es ist der Mann meines Lebens.“, schwärmt sie. Die Überwindung, die es kostet, sich einem völlig Fremden hinzugeben, spielt sie pragmatisch herunter: „Weißt du, wenn du das Geld danach in der hältst, lachst du.“

Michael Beretin hat sich inzwischen dazugesellt und schüttelt nur den Kopf: „Es gibt zwei Sorten von Prostituierten“, erklärt er, „die Profis und die Opfer. Die Profis schaffen es irgendwie, ihre Gefühlswelt von ihrer Berufswelt zu trennen. Über psychologische Folgeschäden kann man streiten. Die Opfer zerbrechen irgendwann.“ Er sieht Leni an: „Ich könnte ihr verbieten, hier zu arbeiten und ihr sagen, dass sie etwas Vernünftiges machen soll. Dann würde sie in ein anderes, womöglich schlechteres, Bordell gehen. Bei diesen Frauen kann man nicht mit Vernunft argumentieren. Das habe ich vor sechs Jahren aufgegeben. Es geht hier nur ums Geld.“ Geld, an dem er auch mitverdient. Und mit ihrer mädchenhaften Ausstrahlung scheint Leni eine lukrative Bereicherung für die Wellness- Oase zu sein.

 

Ist Legalität der richtige Weg?

Dass es ihm in erster Linie um wirtschaftliche Interessen geht, daraus macht der Pressesprecher keinen Hehl. Doch Beretin will mehr, sagt er zumindest: „Ich will auch die Frauen schützen. Und das geht bei der derzeitigen Gesetzeslage nur in beschränktem Maße.“ Ginge es nach ihm, würde er die Prostitutionsgesetze verschärfen: eine Zentralisierung auf große, überwachbare Häuser, die Abschaffung des Straßenstrichs und der Terminwohnungen sowie eine Meldepflicht für Prostituierte. So würde zumindest das Paradise gut da stehen. „Prostitution darf nicht illegalisiert werden. Aber sie muss von der Straße geholt werden, kontrollierbar sein“, so der Marketingleiter.

Ein Ansatz, dem Thomas Geiger von der Polizei in Teilen zustimmt: „Eine Illegalisierung würde uns weit zurückwerfen.“ Er fordert eine Genehmigungspflicht für Bordelle, eine Anmeldepflicht für Prostituierte, Strafbarkeit von Freiern, die sich außerhalb genehmigter Etablissements bewege sowie eine Verstärkung der Ausstiegshilfen. „Das wäre ein Fortschritt.“ Sabine Constabel dagegen ist für ein striktes Verbot von Prostitution, so wie es in den skandinavischen Ländern der Fall ist: „Ich möchte an einer Gesellschaft mitarbeiten, in der ein Mann kein Geld mehr für eine Frau bezahlt. Und je näher wir da rankommen, desto besser.“

Die Debatten über die Daseinsberechtigung von Prostitution reißen nicht ab. Im Paradise verhallen diese Worte. Dort singt Helene Fischer und die Welt ist Ordnung. Deshalb kommen wohl vor allem gerne Banker, Manager oder „männliche Gäste“ mit anderen stressigen Berufen oder Ehefrauen hierher. Um im blubbernden Whirlpool abzuschalten, in der Sauna die Probleme auszuschwitzen, sich von den eigens aus Dubai eingeflogenen Masseuren sämtliche Verspannungen wegkneten zu lassen oder um sich eben mit einem „weiblichen Gast“ zu vergnügen. Über Menschenwürde spricht hier keiner.

 

* Name von der Autorin geändert