Bild: Franziska Nieß

Was bewegt uns in Zukunft? Das hat ZEITGESPENST den Mobilitätsforscher Konrad Götz gefragt. Der Soziologe verrät, warum Smartphones dabei eine große Rolle spielen.

Herr Götz, wie sind Sie heute Morgen zur Arbeit gekommen?

Mit dem Fahrrad. Ich wohne nur fünf Minuten vom Büro entfernt.


Welche Verkehrsmittel benutzen Sie sonst noch im Alltag?

Für Dienstreisen den Zug. Klar, ab einer gewissen Fahrzeit gibt es Grenzen. Manchmal ist Fliegen unumgänglich, ich versuche es aber zu vermeiden. Privat nutze ich für weite Strecken Carsharing, für kürzere Distanzen das Fahrrad oder das E-Bike meiner Frau. Meine Frau besitzt außerdem eine Dauerkarte für den öffentlichen Nahverkehr, damit kann ich mit ihr gemeinsam am Wochenende und werktags nach 19 Uhr fahren.


Sie besitzen also kein Auto? 

Seit 20 Jahren nicht mehr. Ich habe lange in Heidelberg gewohnt und bin nach Frankfurt zur Arbeit mit dem ICE gependelt. Irgendwann stand das Auto nur noch. Ich habe es deshalb verkauft und mir die Carsharing-Angebote angeschaut.


Werden selbstfahrende Autos für uns bald genauso zum Alltag gehören wie Carsharing und Bahnfahren?

Seit den 1950er-Jahren wird über dieses Thema diskutiert und immer wieder heißt es: In 20 Jahren. Die Technik ist ja schon fast so weit. Aber es gibt juristische und ethische Probleme, die nicht so einfach zu lösen sind.


Sie spielen auf die Problematik an, einer Maschine die Entscheidung über Leben und Tod zu überlassen.

Genau, für mich ist damit eine Grenze erreicht. Deshalb sage ich: Autonome Autos ja, aber nur mit geringer Geschwindigkeit und in begrenzten Bereichen. Womit wir wieder beim Thema Carsharing oder dem öffentlichen Nahverkehr sind. Gerade im ländlichen Raum wären autonome Autos eine sinnvolle Ergänzung zur öffentlichen Anbindung. Eine Art selbstfahrendes Sammeltaxi, aber auch kleinere Fahrzeuge auf Abruf.


Sind junge Leute interessiert an autonomen Autos?

Dazu habe ich noch keine gesicherten Daten. Ich glaube, wenn sie das Auto nicht kaufen müssen, dann ja. Die jüngere Generation lebt eher nach dem Motto „Nutzen statt Besitzen“. Es gibt bestimmt eine Käufergruppe für selbstfahrende Autos, aber junge Leute sind das nicht – vor allem aus Kostengründen. Öffentlicher Nahverkehr und Carsharing genügen den meisten.


Der Unterschied zwischen Stadt und Land spielt auch bei Ihrem Forschungsprojekt „Smartphone statt Auto?“ eine Rolle. In urbanen Räumen verzichten viele junge Menschen eher auf ein eigenes Auto als auf ein Smartphone. Auf dem Land ist das Auto dagegen nötig, um von A nach B zu kommen. Sind Autos bei Städtern „out“?

Wir haben nicht behauptet „Smartphone statt Auto“, sondern haben es bewusst als Frage formuliert. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang, sondern eine Gleichzeitigkeit. Das Auto wird nicht wegen Smartphones unwichtiger. Aber während fast jeder ein Smartphone besitzt, verliert das eigene Auto an Bedeutung. Viele wollen immer noch ein eigenes Auto, aber die Relevanz nimmt bei jungen Leuten generell ab und ist noch geringer bei jungen Städtern. Das Smartphone ist DAS Mittel der sozialen Integration, man ist vernetzt mit der ganzen Welt. Das ist übrigens auch eine Form der Mobilität. Dinge, die wir früher per Bewegung machten, machen wir nun per Kommunikation. Elektronische Kommunikation wird in der Tendenz wichtiger als räumliche Fortbewegung.


Andererseits unternehmen gerade junge Leute viel weitere Reisen als es zum Beispiel ihre Eltern getan haben. Ein Auslandsaufenthalt gehört mittlerweile zum guten Ton. Wie passt das zusammen?

Genau, Australien ist das Lieblingsziel vieler junger Leute. Das stimmt natürlich. Es gibt einen Spagat zwischen global und lokal. Die junge Generation zieht es in die Ferne, gleichzeitig hat sie einen starken Bezug zu ihren Wurzeln. Ich finde, das ist eine erfreuliche Entwicklung. Noch erfreulicher ist es, wenn dieser Spagat gelingt. Der lokale Bezug zeigt sich aber auch in anderen Bereichen. Plötzlich ist der Trend im Supermarkt nicht mehr Bio, sondern Produkte aus der Region.


Nochmal zurück zum Smartphone: Was halten sie von Begriffen wie „Digital Natives“ und „Head-Down-Generation“?

Da ist schon was dran. „Digital Natives“ sind diejenigen, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Das war die erste Stufe der „IT-Sozialisierten“. „Smartphone-Natives“ beschreibt die Generation danach, das sind die heute 15- bis 20-Jährigen. Die sind mit Internet UND Smartphone aufgewachsen.


Ist das also die „Head-Down-Generation“?

Um in diesen Worten zu sprechen: Ich glaube nicht, dass der Kopf unten bleibt. Andere Abbildungsformen wie das Head-Up-Display oder Smartwatches kommen immer stärker. Aber es ist schon ein Wahnsinnswandel, der gerade passiert und zum ersten Mal habe ich den Eindruck, er ist auch negativ. Einige Menschen meiden aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur Face-to-face-Kontakte und werden durch die aktuelle Entwicklung total unterstützt. Sie können sich regelrecht hinter ihrem Smartphone verstecken. Die Notwendigkeit für persönliche Kontakte schwindet. Ich bin kein Kultur-Pessimist aber ich finde, das ist ein sozialer Einschnitt. Aber ein Gegentrend ist schon im Kommen. Er ist noch ganz klein, aber immerhin gibt es schon Leute, die bewusst im Urlaub offline sind.

So wird man Mobilitätsforscher

Zur Person: Konrad Götz

Er hat in Heidelberg erst Jura,
dann Soziologie studiert.

In Soziologie hat er auch promoviert, seine Doktorarbeit schrieb er zum
Thema Freizeit-Mobilität.

Von 1989 bis 1995 war Götz Marktforscher am Sinus-Institut in
Heidelberg, für ein Forschungsprojekt zum Thema Mobilität wechselte der
Soziologe 1995 ans Institut für sozial-ökologische Forschung
in ­Frankfurt am Main.
Dort forscht er über Mobilitätsstile und -kulturen.

Zudem hält er Vorträge bei Herstellern, Kongressen oder anderen
Veranstaltungen zum Thema Mobilität.

Join the discussion 1 Kommentar

Deine Meinung ist gefragt