Frauen in der Start-Up-Szene sind eine Seltenheit. Erst recht in der Automobilbranche. Navina Pernsteiner ließ sich davon nicht abschrecken. Die Mit-Gründerin der Firma Sono Motors will nicht nur das erste Solar-Auto zur Serienreife bringen. Sie möchte die Welt retten.

Es gibt vieles, was in WG-Küchen entsteht. Meistens ist es schimmelig – manchmal aber auch genial. So wie bei Navina Pernsteiner, ihrem Mitbewohner Laurin und dessen bestem Freund Jona. Schon lange beschäftigen sich die drei Münchener mit Mobilität. Genauer gesagt, sie bauen ein Elektroauto, das seine Batterie mit Hilfe von Solarpanels selbst auflädt. „Wir haben halt so rumgesponnen“, sagt die gebürtige Augsburgerin Pernsteiner. Jetzt sitzt ihre Firma Sono Motors im zweiten Stock des Münchener Technik Zentrums (MTZ), zusammen mit 107 anderen Start-Ups. Den ersten Pre-Prototypen finanzierten sie mit einer Crowdfunding-Kampagne, rund 800 Anfragen folgten der Internetaktion.

Elektromobilität für alle

In der Eingangshalle zum Technikzentrum ist es überraschend frisch. Die Innentemperatur muss an das Wetter angepasst werden, damit der Kampferbaum, der zwischen den Betonplatten herausragt, gut gedeihen kann. Generell versteht sich das MTZ als Inkubator brillanter Ideen. Und die 815 Solarplatten auf dem Dach versorgen das Zentrum zusätzlich mit Energie.

„Sorry, ich bin noch ein bisschen müde. Gestern ist es wieder spät geworden.“ Die 28-Jährige nippt an ihrem Kamillentee. Zieht die Ärmel ihres orangenen Rollkragenpullovers lang. „Ich mag keinen Kaffee. Er riecht super lecker, aber er schmeckt mir einfach nicht.“ Die Aktivistin braucht keinen Krach. Ist leise, zurückhaltend, aber voller Energie. „Wir wollen Elektromobilität für alle“, sagt sie. Deswegen kostet ihr Einsteigermodell auch gerade mal 12.000 Euro. „Gewinn machen wir damit nicht, das deckt gerade mal die Produktionskosten.“ Eine gewagte Kalkulation. Ihren Lebensunterhalt verdient sie nämlich nur nebenbei – als freie Grafikerin. Die Lebenshaltungskosten hält sie so gering wie möglich. Ein Auto als Statussymbol? Das ist nichts für die passionierte Teetrinkerin. „Die Erdölvorräte reichen doch nur noch knapp zehn Jahre. Und was ist dann? Man muss doch etwas tun.“ Würde ihr Solar-Auto Sion in Serie gehen, wäre es mit Abstand das günstigste auf dem Markt.

Die Idee eines sich selbst antreibenden Solarautos ist aber nicht neu. Schon vor 25 Jahren lieferten sich Elektroautos mit einem ähnlichen Konzept bei der Welt-Solar-Rallye einen harten Wettkampf. Doch zu Vorbildern wurden die Sportskanonen nicht. Im Jahr 2015 fuhren laut des Statistikdienstes statista nur 18.948 Elektroautos auf deutschen Straßen. 2016 sind es immerhin schon 25.502 Stück. Die magische Grenze von einer Million liegt zwar in weiter Ferne, doch die Bundesregierung hält noch immer an ihrem Plan für 2020 fest. Im ADAC-Autokostenvergleich fallen Elektroautos, aufgrund ihres hohen Anschaffungspreises, dagegen knallhart durch. Kaum ein konventionell angetriebenes Auto ist teurer als sein elektrischer Bruder.

Auf den ersten Blick traut man der zarten Blondine eine Revolution des Automarktes gar nicht zu. Ihr langes Haar fällt ihr immer wieder ins Gesicht. Die junge Frau trägt kein Make-up, keinen Nagellack, keinen Schmuck. Nur drei schmalgeflochtene Armbänder ums Handgelenk. Navina ist sich sicher „Es passiert nur etwas, wenn man es anpackt!“ Und die Jungunternehmerin packt gerne an. Hat sie schon immer getan. Als Studentin engagierte sie sich unter anderem für das Projekt „Bäume für die Welt.“ Natürlich fragt sie sich manchmal, ob es die richtige Entscheidung war ein Start-Up zu gründen. Ob das Risiko nicht vielleicht zu hoch ist. Aber die leidenschaftliche Umweltschützerin wollte nach dem Studium „etwas Sinnvolles tun“.

Moos als natürlicher Luftfilter

Der Sion-Prototyp ähnelt stark der A-Klasse Baureihe W168 von Mercedes. Diese war beim Marktstart 1997 mit seiner hohen Sitzposition ein echter Trendsetter. Technisch aber eher ein Fehlschlag. Die erste und zweite Generation wurden in der praktischen Sandwichbauweise konstruiert. Die Batterie sollte teilweise im Fahrzeugboden untergebracht werden. Da die A-Klasse aber nicht als Hybrid auf den Markt kam, blieb der Platz ungenutzt.

Der Sion adaptiert diese Form. Wirkt aber etwas kompakter und aerodynamischer. Die Solarpanels, die auf der gesamten Karosserie angebracht sind, richten sich je nach Sonnenausstrahlung neu aus. Zwei Sitzreihen mit je drei Sitzen bieten vor allem jungen Familien genügend Platz.

Wer mit Navina über ihr Herzensprojekt spricht, merkt sofort, dass es ihr Ernst ist. Sie kennt den Markt. Hat sofort alle wichtigen Fakten parat. Der Sion? „In der Anfangsphase, aber vielversprechend.“ Leidenschaftlich referiert sie über sinkende Erdölvorräte und Moos als natürlichen Luftfilter. Man möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Wann ihr Konzept serienreif wird. Man möchte daran glauben, dass sie und ihre zwei besten Freunde mit einem kleinen Elektroauto die Welt retten können.

13,9 Prozent der Start-Up Gründer sind weiblich

Ein Start-Up zu gründen, war eigentlich gar nicht Teil ihres Lebensplans. Doch als WG-Kollege Laurin ihr eines Abends in der Küche von der Idee erzählte, war die Revoluzzerin sofort dabei. Und ist damit eine Seltenheit. Nur 13,9 Prozent der Start-Up Gründer in Deutschland sind weiblich. Im technischen Bereich ist diese Zahl noch mal deutlich niedriger. Dass die schmale Pernsteiner nur mit männlichen Kollegen zusammen arbeitet, ist für sie kein Thema. Jeder hat sein Spezialgebiet. „Es gibt“, sagt sie, „keine Unterschiede“.

Einen kleinen Unterschied gibt es vielleicht doch. Zumindest, wenn es um die Zukunftsplanung geht. Denn in fünf Jahren will sie nicht nur mit Sono Motors erfolgreich sein. Kleinwagen und LKW`s im Firmenportfolio haben, die Elektromobilität vorantreiben und so die Welt ein kleines Stückchen besser machen. In fünf Jahren möchte Navina auch Mutter sein.