Bild: Patrick Lang

Neulich hat ein Kollege zu mir gesagt: „Wenn du zu lange in Stuttgart bleibst, dann bekommst du die Kessel-Wut.“ Auch wenn das so in keinem medizinischen Lexikon steht, kann ich mir ganz gut vorstellen, was gemeint ist. Den Großstadt-Koller – du kriegst einfach zu viel.

Ich hab keine Ahnung, wie oft ich schon gefragt wurde, ob ich denn jetzt nach Stuttgart ziehen will. Alles, was ich darauf antworten kann, ist: „Ähm… Nein..“ Versteht mich nicht falsch, ich mag Stuttgart eigentlich gerne. Große Städte finde ich generell reizvoll. Für einen Urlaub oder zum Arbeiten oder zum Abfeiern. Aber sicher nicht zum Leben. Große Städte sind anonym, und das kann man ja auch gut finden. Als Auftragskiller zum Beispiel. Mir behagt das nicht. Ich will mein Umfeld kennen und dafür kein Spionage-Set benötigen. Ich will Wald, grüne Flächen und einen See – keinen Stadtpark voll Hundekacke. Eine Einkaufmeile ist nett, wenn man einkaufen will. Neue Klamotten brauche ich nicht jeden Tag, mir reicht ein Marktplatz mit zwei, drei Bars und Bistros.

Ich denke, mein Standpunkt ist klar geworden: Ich bin ein Kind vom Land, und das will ich auch bleiben. Wer als Berufspendler seine Tage in Großstädten verbringt, ist in einer komfortablen Situation. Der Pendler hat beide Welten um sich (muss im schlimmsten Fall zwar Bahn fahren, aber einen Haken gibt es halt immer). So lässt es sich aushalten, denn der Bezug zur Heimat geht nicht verloren. Diesen Bezug halte ich für extrem wichtig. Ich finde es furchtbar, wenn Eltern (oder die Bildungs-Gesellschaft, oder aber auch die Wirtschaft) den Nachwuchs dazu drängen, nach der Schule erstmal ein Jahr ins Ausland zu gehen. Das muss man so machen, das ist cool, und Auslandserfahrung braucht man ja. Für was, frage ich mich. Nen alten Scheiß braucht man.

Die meisten gehen ohnehin nur ein Jahr „Backpacken“ (ekliges Wort) nach Australien, nehmen 15 Kilo vom Saufen zu und vögeln sich durch die Bars von Sidney, Melbourne oder Adelaide. Im besten Fall bringen sie keinen Tripper mit nach Hause, aber im Leben helfen diese Erfahrungen jetzt nicht sooo viel. Im Gegenteil, man lässt sein soziales Umfeld, seine Freunde und Familie zurück. Okay, nach einem Jahr kehrt niemand als komplett Fremder zurück, aber eine Zäsur gibt es schon, und der eine oder andere Anschluss wird garantiert verpasst. Im Gegenzug heißt es „Der Horizont sei erweitert worden“ oder „Man habe so viele neue Menschen kennengelernt“. Mir stellt sich noch immer die Frage nach dem Nutzen. Definiert mir mal bitte „Horizont erweitert“. Neue Drinks ausprobiert? Schüttet mal Strohrum und Cola zusammen, das schmeckt wie Linzertorte. Bäm! Neue Drinks gibt´s auch dahoam.

Was kommt nach dem Auslandsaufenthalt? Natürlich das Studium. Und weil die Hochschule in Castrop Rauxel besonders renommiert auf dem Gebiet der Binsenweisheiten ist, muss es die sein. Also auf geht´s, Umzug (mindestens 300 km von zuhause weg) und ab in eine WG mit einem Teilzeit-Barista und einer Soziologie-Studentin. Altbau, nicht saniert, aber dafür total ehrlich und hip. Wieder bleibt das soziale Umfeld in der Heimat zurück. Das Re-Immigrieren wird immer schwerer, sag ich euch. Denn während daheim stetig festere Bande geknüpft werden, springt ihr auf neoprogressiven Kunsthappenings rum und trinkt Gin Tonic mit Gurken. Herzlichen Glückwunsch.

Leute, tut euch den Gefallen und geht lieber in den örtlichen Sport- oder Musikverein. Das klingt zwar auf Anhieb spießig, aber dort lernt ihr die Leute kennen, mit denen langfristig Gaudi gemacht wird. Wer raus in die Welt will, sollte diesen Drang auf einen Zeitpunkt verschieben, zu dem er/sie eine gefestigte Basis hat. Klassisches Beispiel: im Berufsleben. Denn spätestens wenn die 40-Stunden-Woche ins Haus steht, dann werden die ganzen WG-Parties und Hipster-Besäufnisse latent unwichtig. Wohl dem, der dann gute Freunde hat, für die es sich lohnt, die Freizeit zu verplanen.

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