Illustration: Eduard Morlang

11.997 Kilometer, 118 Stunden, jede Menge Stau und spannende Geschichten. Das ist meine persönliche Bilanz der letzten fünf Jahre, in denen mir mitfahrgelegenheit.de und blablacar.de dabei halfen, eine Wochenendbeziehung zu führen und mit meiner Familie in der Heimat in Kontakt zu bleiben. Zu 63 wildfremden Personen bin ich ins Auto gestiegen und habe gehofft, dass sie mich sicher ans Ziel bringen. Aus der Vielzahl an Geschichten, die mir während der Autofahrt erzählt wurden, habe ich die Kronjuwelen für euch herausgepickt.

Die bewegendste Familiengeschichte

Ich war mit Andreas auf dem Weg nach Köln, als er mir seine Familiengeschichte erzählte. Andreas Vater, Matthias*, ist kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geboren. Matthias Vater, Tazim*, kehrte bald nach Marokko zurück und ließ Matthias allein bei seiner Mutter. Der Nachname war das einzige, was Matthias von seinem Vater blieb. Nach über 50 Jahren Funkstille führte Tazims marokkanischer Enkel durch eine Internetrecherche und einen gemeinsamen Kontakt in Berlin die Familien wieder zusammen. Tazim stieg in ein Flugzeug nach Deutschland und lernte seinen Sohn kennen. Und Andreas? Er freut sich über die neue zahlreiche Verwandtschaft in Marokko und fliegt gerne für einen Familienbesuch ins nordwestliche Afrika.

*Die Namen sind von mir der Einfachheit halber erfunden.

Das auffälligste Auto

An einem Sonntagnachmittag fuhren mich meine Eltern wie so oft zum Park&Ride an der nächsten Autobahn. Der Moment, in dem man erkennt, mit wem man die nächste Strecke bis zum Ziel fahren wird, ist immer wieder aufs Neue spannend. Dieses Mal fuhr ein orangenfarbenes Porsche Cabrio vor. Doch wer da ausstieg, entsprach so gar nicht dem Klischee: Alex hatte nicht einmal Schuhe an! Trotzdem hat sich mein Vater, gleich nachdem ich ins Auto gestiegen bin, das Kennzeichen notiert. Nur für den Fall der Fälle. Wer nun eine rasante Fahrt über die Autobahn erwartet, den muss ich enttäuschen. Wir fuhren bei schönstem Wetter gemütlich die 100 Kilometer bis zum Ziel. Dort wurde der Porsche in der besten Wohngegend geparkt, wo er sich unter seinesgleichen befindet. Und Alex? Er stieg auf sein Fahrrad und fuhr zu seiner Wohnung im alternativen Viertel auf der anderen Seite der Stadt – barfuß natürlich.

Die interessante Heilung

Ich hatte nur ein einziges Mal nicht die Handynummer des Fahrers bei Mitfahrgelegenheit, bei der Fahrt mit Johannes. Aus dem einfachen Grund: Er besitzt kein Handy. Als Kind hatte er das Tourette-Syndrom. Um ihrem Sohn bei dieser Tic-Störung zu helfen, brachten die Eltern ihn in eine Einrichtung im Schwarzwald. Ein Jahr lang lebte er dort im Rhythmus mit der Natur, den Jahreszeiten und den Tieren auf dem Bauernhof, und die Tics verschwanden. Komplett. Als er wieder zuhause war, wechselte er auf die Waldorfschule, die wie auch das Therapiezentrum auf der Anthroposophie beruht. Diese Weltanschauung begleitet Johannes auch heute noch. Er entschied sich, nach der Schule Priester zu werden, in einer christlichen Kirche, die der Anthroposophie nahesteht. Während unserer Fahrt war er auf der Rückweg von seinem Priesterseminar, und in zwei Wochen ist es soweit: Er wird zum Priester geweiht.

Welche schrägen Geschichten habt ihr bei Mitfahrgelegenheit im Auto eines Fremden erlebt? Schreibt mir an sabrina@zeitgespenst.de