Bild: WikiNight2

„Scheiße“, denke ich mir, „mal wieder viel zu voll.“ Es ist Montagmorgen. Das Wochenende war voll. Viele Termine. Erster Mai. Ich war auch voll. Bin jetzt aber wieder voll da. Meine S-Bahn, die ist auch da. Und voll. Sowas von voll. Und das ist der Grund für meine Gedanken.

Schuld daran sind viele, alle ein bisschen. Zum Beispiel die Autofahrer: Die sorgen mit ihren Abgasen für regelmäßigen Stuttgarter Feinstaubalarm. Weshalb dann Menschen mit einem überdurchschnittlich ausgeprägten ökologischen Bewusstsein eben S-Bahn fahren. Oder die Bahnbetreiber: Warum können die zu Stoßzeiten keine Bahnen mit Langzug-Länge schicken? Schuld sind auch die beiden Mütter, die jeweils zwei Sitzplätze belegen und durch ihre Kinderwagen auch noch gleich mehrere Stehmöglichkeiten vernichten. Schuld ist aber auch der Herr neben mir, der sich seinen eigenen Sitzplatz mit in den Zug gebracht hat und nun zwischen der Tür zur Ersten Klasse und dem unbedingt freizuhaltenden, extra orange markierten Türbereich sitzt. Und schuld sind all diejenigen Fahrgäste, die unbedingt im Fahrradabteil unterkommen wollen und mich dazu zwingen, mich und mein Fahrrad so richtig blöd direkt vor der Tür zu platzieren. Das stört mich. Und das stört andere, aber ändern kann im Moment keiner was daran.

Auch nicht mein Fahrrad und ich. Und weil wir ja alle ein kleines bisschen schuld sind, sagt oder tut momentan auch niemand etwas.

Schweigen rundumher.

„Und vergib uns unsere Schuld …“, lehrte Jesus uns einst beten. Vielleicht ist es ja dieses implizite, kollektive Schuldbewusstsein, weshalb in der Bahn keiner ein Wort redet. Noch nicht einmal die beiden Mütter, sei hier angemerkt.  „… wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ – Vielleicht ist das Schweigen ja aber auch Zeichen allgemein anerkannter und stillschweigender, gegenseitiger Vergebung. So oder so bezweifle ich, dass Jesus während seiner Bergpredigt überfüllte S-Bahnen vor Augen hatte. Und wenn doch, hätte er sie sicherlich anders bezeichnet.

S-Bahn.

Diese Wortkreation ist ja irgendwie ein sehr fragwürdiges Ding.

Bedeutet es eigentlich Schnellbahn, weil ich damit zügig nach Stuttgart reinkomme? In Wirklichkeit bin ich zwar schneller als mit dem Auto, was aber weniger am Tempo der Bahn als viel mehr am allmorgendlichen Stau auf sämtlichen Zubringern in Richtung Landeshauptstadt liegt. Vielleicht soll es ja Stadtbahn heißen. Aber eigentlich, das lehrt uns unser Freund Wikipedia, ist die S-Bahn technisch gesehen ein „Verkehrssystem in Agglomerationen das zugleich innerstädtische Verbindungen anbietet.“ Und damit auch die der Bezeichnung Stadt unwürdigen Gemeinden versorgt. Mein persönlicher Favorit (weil ich das früher selber dachte) ist aber die Essbahn. Essen ist gut, Essen geht immer. Die Enttäuschung kommt aber spätestens dann, wenn die Durchsagen zwar zum „Bitte zurückbleiben!“ auffordern, aber nichts von einem Bordrestaurant in Wagen 8 verlauten lassen. Das hat schon so manche Kindermägen versauert und so manches Kinderherz gebrochen.

Ich aber bin darüber hinweg. Meine Theorie lautete bis heute Morgen: S-Bahn steht für Schweigebahn. Aber nicht wie oben vermutet im Sinne von Schuld-Bahn. Treffender wäre vielmehr die Herleitung über den Begriff Smartphone-Bahn. Klar schweigen sich Menschen auch einfach so gerne an und haben das auch schon immer getan. Ich bin selbst ein introvertierter Typ. Aber die Smartphones haben, soviel kann man ruhigen Gewissens sagen, die Kommunikationsfreude auch nicht unbedingt gefördert.

Was das Schweigen dann aber doch zum Sprechen werden lässt, oder treffender gesagt: zum Schimpfen, das ist wiederum die Schuldzuweisung, wenn mein Fahrrad im persönlichen Weg steht. Eine Frau mittleren Alters, die Haare zwar grau, aber Schuhwerk äußerst jugendlich, strömt aus der Tür der Ersten Klasse, drückt sich an dem Herren mit selbst mitgebrachtem Sitzplatz vorbei und bemerkt, dass da ja noch mein Fahrrad vor der Türe steht.

Möglichkeit A: die Dame geht zur nächsten Türe und steigt dort aus. Einsteigen möchte übrigens niemand.

Möglichkeit B: die Dame bittet mich, mein Fahrrad aus dem Weg zu räumen.

Möglichkeit C: die Dame rennt einfach gegen mein Fahrrad. Und schimpft.

Möglichkeit C bitte.

Ihre Entscheidung ist gefallen.

Nun ist es ja keineswegs so, dass ich mich querstelle, wenn ich anderen etwas Gutes tun kann. Mein Fahrrad steht ja schon quer genug. Aber manchmal kann man einfach nichts tun. Und kann noch nicht einmal etwas dafür.

Wie dem auch sei, wir haben letztlich eine Lösung gefunden – auch wenn sie unglaublich umständlich war und sich die uns umgebenden Personen ob der Sturheit der guten Frau an den Kopf gelangt haben. S-Bahn wie Schlag-an-die-Stirn-Bahn?

Gleicher Ort, andere Zeit: Bereits am Folgetag erlebe ich, wie die S-Bahn zur Sprech-Bahn werden kann. Was anders war als sonst? Keine Ahnung, aber innerhalb von 15 Minuten Bahnfahren kam ich mit vier anderen Menschen ins Gespräch. Und keinen davon kannte ich im Voraus! Ich wurde auf mein schickes Fahrrad angesprochen (das hat der selbe Kerl seither nochmals zwei Mal getan, scheinbar ist sein Gedächtnis nicht das beste – nett ist er aber allemal), man dankte mir für meine Hilfe beim Einsteigen mit Rollstuhl, ich durfte einem schlecht Deutsch sprechenden Mann den Weg erklären, und eine Durchsage des Zugpersonals sorgte für allgemeine Heiterkeit und ein paar anschließende Witze.

„I’m a Sinner, I’m a Saint…“,

spielt sich in meinem Kopf ab.

Sind wir nicht alle ein bisschen schuld? Und könnten so manches dafür tun, es besser zu machen?

Ich für meinen Teil habe mir folgendes vorgenommen: öfters Mal mit den Leuten reden.

Damit dem situativen Egoismus anderer Fahrgäste vorbeugen. Und so, ganz subversiv, dafür sorgen, dass wir uns allmorgendlich in einer S-Bahn wiederfinden, die – vielleicht auch nur ganz unterbewusst – zur Spaß-Bahn wird.